Montag, 15. Dezember 2014

Interview mit Eunike Grahofer über Pflanzenheilkunde und altes Wissen: "Wir leben heute in der gesegneten Zeit"

Foto: Frau B.
Die Lektüre von Eunike Grahofers "Die Leissinger Oma" beeindruckte mich so sehr, daß ich die Autorin um ein Interview bat. Die Zeit zum Lesen sollte man sich in einer ruhigen Minute ruhig nehmen. Denn es steckt viel Interessantes, Persönliches, Anregendes, Nachdenkenswertes drin!
Das Interview erschien zuerst auf meinem alten Blog alltagsmix.

Liebe Frau Grahofer, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem lesenswerten Heilkräuterbuch „Die Leissinger Oma“. Wie waren denn bisher die Leser- und Rezensenten Reaktionen?
Liebe Frau B. – Danke nochmals für Ihren herzlichen Bericht! Die bisherigen Reaktionen waren sehr positiv. Die erste Auflage war am Tag genau 3 Monate nach dem Erscheinen ausverkauft :-) Es wurde und wird auch noch weiterhin brav in den Medien darüber berichtet, es gab sogar einen liebevoll gestalteten Fernsehbericht in Österreich über das Buch „Die Leissinger Oma“, auch die Anfragen bezgl. Lesungen sind noch sehr aktiv… die vielen verschiedenen Rückmeldungen haben uns alle Beteiligten, die ganze „Buchfamilie“ sehr gefreut.
Wir haben einige Mailzuschriften erhalten, wo sich Leute einfach für das Buch bedankt haben, wo mir Personen von ihren Erlebnissen geschrieben haben oder wo sich Menschen dafür bedankt haben, dass sie wieder in die Pflanzenwelt zurückgefunden haben :-). Doch das schönste Erlebnis für mich war, dass sich durch das Buch eine Familie wiedergefunden hat, die sich vor einigen Generationen, durch die Grenze, den Krieg usw. aus den Augen verloren hat.


In dem Buch haben Sie auf Basis von Interviews mit alten Leuten aus dem österreichischen Waldviertel altes Heilpflanzenwissen aufbewahrt und weiter gegeben. Ziel ist es zu zeigen, wie früher die Menschen fernab vom Arzt sich selber heilten. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?
Manches ist im Leben einfach schon immer da, nur sehen wir es erst mit der Zeit. Meine Mutter hat mit uns Kindern von frühesten Kindheitsbeinen an z. B. Bibelstellen analysiert, sie in ihre Einzelteile und Botschaften zerlegt, Bücher, die wir gelesen haben sehr genau hinterfragt, meine Oma erläuterte unseren Märchen, mein Papa die Pflanzenwelt, unser Brauchtum… bei Festen oder diversen Anlässen fand ich mich bei Gesprächen selten unter Gleichaltrigen, weil mir ihr Gesprächsstoff zu oberflächlich, zu fad war, ich mich durch meine längerfristige körperliche Ruhigstellung, auch örtlich nicht mit ihnen mitbewegen konnte. Es waren immer ältere Personen, mit denen ich mich unterhielt, die mir erzählten. Ich hinterfragte ihre Erzählungen und irgendwie landeten wir oft bei Pflanzenthemen, Erlebnissen, Geschichten – und dann waren für mich die Gegensätze der Generationen so deutlich da!
Hier ist die ältere Frau, die ihr Leben erzählt, die ihre, von ihrer Mutter gelernten Rezepturen im Familienverband an ihre Tochter, ihre Enkelin weitergeben möchte, weil es für sie mehr als alles andere bedeutet, es weitergeben zu können, es eines wertvollen Schatzes gleicht und dann sind hier die jüngeren Generationen, die nicht einmal mehr hinterfragen, warum es denn der Oma so viel bedeutet dieses Wissen aufrechtzuerhalten, die nicht einmal mehr an den eigenen Familiengeschichten, an ihren Wurzeln interessiert sind.
Mit dem Erzählstil möchte ich auch versuchen ein Gefühl für die damalige Zeit zu vermitteln, ein bisschen etwas zum besseren Verstehen der Generationen beitragen. Mir ist auch bewusst, dass ja die eindeutige Namensgebung der Pflanzen erst zu Linnés Zeiten Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts erfolgte – alle Überlieferungen aus älteren Epochen basieren auf den Kenntnissen, den Deutungen der oftmaligen Abschreiber. SIe sind zwar sehr interessante Quellen, doch schon auch zu hinterfragen. Wir können die ursprünglichen Verfasser wie Hildegard, oder wer sie auch immer waren, nicht mehr fragen. Hildegard z. B. lobte den Dinkel über alles, doch ob sie von dessen Wirkung so überzeugt war, oder ob sie einfach die Leute davor bewahren wollte, den Roggen, der ja das giftige Mutterkorn ausbildete, zu essen, dass können wir heute schlichtweg einfach nicht mehr rekonstruieren. Wir wissen es nicht.
Unter uns lebt heute noch eine Generation, die sehr viel Wissen aus dem Leben heraus hat, die wir noch fragen können, die uns noch die jeweiligen Pflanzen zeigen können, oft handelt es sich bei den Benennungen ja auch um örtliche Namensgebungen, die nur durch das Zeigen der Pflanzen wirklich zugeordnet werden können.
Für mich ist es traurig, dass Leute in der heutigen Zeit „Angst“ vor diversen Pflanzen haben! Hinterfrage ich diese Angst, bin ich immer auf den gleichen Ausgangspunkt gestoßen – die Leute wissen um die Gesetze, die natürlichen Abläufe der Natur immer weniger. Dass gewisse Pflanzen im jungen Stadium für uns eine tolle Energiequelle sind, doch sich ab einem gewissen Zeitpunkt um ihre eigentliche Lebensaufgabe, der Arterhaltung kümmern wollen und daher beginnen, einen Fraßschutz zu entwickeln, der auch uns Menschen davon abhalten soll, sie weiterhin zu essen. Dass so Sprüche wie „die ersten 3 Schlüsselblumenblüten im Frühling sollen wir essen, dann haben wir das Pflanzenwissen für das ganze Jahr in uns“ eine viel tiefere Bedeutung haben. Dass unser Körper im Winter, aus Mangel an frischen Grünpflanzen etwas „träge“ mit der Magnesiumaufspaltung wird und unsere Schlüsselblume exakt jenen Wirkstoff für uns bereit hält, der diese Magnesiumaufspaltung „aktiviert“ und wir somit alle folgenden Pflanzen über das Jahr hinweg besser in unsere Zellen auf nehmen können, wenn wir sie nur einfach essen würden!
Im nächsten Buch, dem „Pepi Onkel“ zeigt sich z. B. wie anhand von Pflanzennahmen, Unterschiede in der Benennung Völkerwanderungen nachvollzogen werden können, wie die Geschichte in der Pflanzenkunde verschmelzt. Zusammenhänge zeigen sich meist durch die Fülle an Informationen.  Irgendwann konnte ich es mir einfach schlichtweg nicht mehr merken und begann zu meiner eigenen Übersicht die Informationen, die Gespräche mit Tonband aufzunehmen und aufzuschreiben - daraus entstand die „Leissinger Oma“.
Die Geschichtenform deshalb, weil ich einfach aus meiner eigenen Erfahrung heraus sagen kann, dass uns wirkliche Erlebnisse aus dem alltäglichen Leben und ihre Lösung viel leichter und tiefer im Herzen verankert bleiben, wir uns die Pflanzen und Anwendungen viel leichter merken, als in Form von einer Aufzählung an Inhaltsstoffen und Wirkungsweisen. Natürlich gehören die wissenschaftlichen Erkenntnisse genauso dazu, sind sie genauso wichtig, doch verstehen die Leute die Natur wieder mit dem Herzen, verstehen sie, wie sie funktioniert, stellt sich von selber wieder ein genereller „gesunder“ Umgang mit der Natur ein! Wir können im Erkältungsfalle Mittelchen schlucken damit wir „funktionstüchtig“ bleiben oder wir können unserem Körper die Ruhe geben, die er eigentlich braucht und ihn mit den Wirkstoffen versorgen, welche ihm gerade helfen. Die Pflanzenwelt und ihre Wirkungsweisen zu verstehen, bedeutet auch die Funktionsweise unseres Körpers zu verstehen, uns selbst kennen zu lernen, sich mit uns zu beschäftigen, zu hinterfragen. Ich finde, es ist eine wichtige Säule des Rückhaltes in unserem Leben. Mir ist es auch wichtig wieder etwas auf unsere Eigenverantwortlichkeit, unsere Möglichkeit des Selbstbestimmens und der Selbstlenkung aufmerksam zu machen.

Wie haben Sie Ihre Interviewpartner gefunden und wie war deren erste Reaktion auf Ihr Anliegen?
Ich hab sie nicht gefunden, sie waren einfach aus dem Moment heraus irgendwann da. Bei der Leissinger Oma, z. B. hab ich ihrer Tochter, die selbst schon in Pension ist, eine Kleinigkeit aus meinem Naturfach-Geschäft vorbeigebracht, weil sie keine Möglichkeit hatte es abzuholen. So lernte ich die Leissinger Oma kennen. Ich hab von den vielen Interviews, welche ich bis jetzt führen durfte, exakt zwei Gespräche wirklich geplant gehabt, und beide verliefen auch so geplant strukturiert. Da war nicht diese Herzlichkeit des Momentes, diese Leichtigkeit der spontanen, offenen Kommunikation, sondern sie verliefen strukturiert, sachlich, jedes Wort sehr überlegt. Es fehlte der tiefere Inhalt. Es fehlte die Seele der Kommunikation! Das bedeutet, dass mein Tonbandgerät mein treuester Begleiter geworden ist. Ich frage die Leute natürlich um ihr Einverständnis, dass ich das aufzeichnen darf, zumeist folgen dann ja auch mehrere Gespräche, ein genaueres Nachfragen. Doch kein Gespräch verläuft so tiefgehend, so reich an Emotionen wie das Erste!

Was hat Sie am meisten in den Gesprächen imponiert?
Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, wo ein Arzt erreichbar und als Notlösung jederzeit vorhanden war. Wenn ein Unfall geschieht, rufen wir einen Rettungswagen, bei Gefahr in Verzug die Polizei. Eigentlich ist es ja noch gar nicht so lange her, wo diese Möglichkeiten nicht zur Verfügung standen. Wenn eine Frau mit zitternder Stimme, unruhigen Händen erzählt, wie sie mit mehreren Kindern auf sich alleine gestellt in einer Streusiedlung weit entfernt jeglicher Stadt ihr verletztes Kind selbst versorgen musste, dann sind das schon sehr bewegende Momente. Erstrahlen ihre Augen dann, wenn sie berichtet, welche Rezepturen sie verwendete, und das diese Rezepte schon ihre Mutter erfolgreich anwandte, dann ist es die Gesamtsituation, das lösungsorientierte Denken, das tiefe verwurzelte Vertrauen, was mich sehr beeindruckt. Im Buch „Pepi Onkel“ ist z. B. eine Geschichte über eine Mutter in der Großstatt, die sich eine Blutvergiftung zugezogen hatte, von dem Arzt abgeschrieben, dem Tod geweiht, nahm sich eine kräuterkundige Nonne ihrer an und konnte sie retten. Es entwickelt sich durch solche schwierigen Lebenssituationen ein enormer familiärer Zusammenhalt, eine besondere Bindung über alle Schwierigkeiten der Generationen eines Hauses hinweg!

Selbst beschäftigen Sie sich schon von Kindesbeinen an mit Kräutern und ihrer Wirkung, arbeiten jetzt u. a. als Kräuterpädagogin. Welches Rezept, welche Heilpflanze der alten Leute hat Sie am meisten beeindruckt oder war gar neu?
Erstaunt hat mich unter anderem die Tatsache, dass wir heute zu einem Baum Kriecherl sagen, der eigentlich eine Kirschpflaume ist, und dass das eigentliche Kriecherl gerade im Begriff ist zu verschwinden, ohne dass es den Leuten wirklich auffällt! Beide Früchte sehen zwar optisch ähnlich aus, doch sind im Geschmack wie Tag und Nacht und trotzdem bemerkt es kaum jemand! Traurig beindruckt hat mich die Bewusstwerdung der Namensüberdeckung durch unsere Globalisierung, wie wir es derzeit mit der Schwarzwurzel erleben.
Die Schwarzwurzel ist für einen heute 70jährigen Menschen die wirklich schwarze, knorrige Knochen, Muskel und Sehnen regenerierende Wurzel des Beinwells. So steht in alten Rezepten einer Gelenkssalbe dieser Schwarzwurzel als wichtigste Hauptzutat drinnen. Für einen heute 20jährigen ist die Schwarzwurzel ein spargelartiges Wildgemüse, das köstlich leicht schmeckt. Eine ganz andere Pflanze, sowohl von den Inhaltsstoffen als auch von der Verarbeitung und dem Geschmack also. Ist dieser heute 20jährige in 50 Jahren dann an die 70 Jahre alt, und liest jenes alte Rezept, worin als Hauptzutat, aus der damaligen Tradition, der damaligen Zeit heraus die Schwarzwurzel angeführt ist, wird er nach seinem Wissen dieses spargelartige Wildgemüse kochen, und sich wundern, warum die Salbe erstens sehr wässrig ist und zweitens nicht gegen Gelenkprobleme hilft.
So verschwindet unser Pflanzenwissen, so werden einheimische Pflanzen einfach von anderen überdeckt und geraten in Vergessenheit!

Worin sehen Sie die Stärke von Heilkräutern? 
In der leichten Verfügbarkeit, in der Bandbreite ihrer Inhaltsstoffe, unser Körper kann damit umgehen, er kann die Wirkstoffe aufspalten, in der Inhaltsstoffvielfalt – haben wir Probleme, Magnesium aufzuspalten, essen wir Schlüsselblumen, haben wir Probleme Kieselsäure aufzuspalten, essen wir Vogelknöterich usw. Wir finden in unserer heimischen Pflanzenwelt immer Exemplare, die den jeweiligen Stoff in seinen sozusagen “Grundbausteinen“ drinnen haben, in einer Form, wo sie nicht erst aufgespalten werden muss, so wie sie jeder Körper aufzunehmen versteht. Wir führen unserem Körper mit Wildkräutern nicht nur lebenswichtige Stoffe zu, sondern reinigen ihn auch kontinuierlich. Unsere Symbiose mit den Wildkräutern reicht eine lange Zeit zurück, sie waren immer unsere Helfer. Eine erfolgreiche Partnerschaft pflegt man. In vielen Pflanzen sind Bitterstoffe drinnen, welche die Galle anregen mehr von ihrer Flüssigkeit auszuschütten, was wiederum einer „Selbstreinigung“ gleichkommt. Eine gereinigte Galle funktioniert besser, sie neigt auch nicht so leicht zur Steinbildung und zur sogenannten „Schwarzgalle“, die wiederum mit sehr wohl wahrnehmbaren Gemütsverstimmungen gekoppelt ist.
Wir stoßen auch in der Schulmedizin auf Grenzen, wo uns die Wildkräuter erfolgreich weiterhelfen können, wie wir es in unserer Zeit mit der Karde bei den Borrelien erleben. Ein weiterer Unterschied zur Medizin liegt sicher in der Inhaltsstoffkonzentration. Schlucken wir ein Medikament, wollen wir ja gezielt etwas bewegen, das bedeutet das Medikament hat eine hohe Inhaltsstoffkonzentration. Kommen wir während des Schluckens darauf, das falsche Medikament erwischt zu haben, bleibt uns zumeist nur die Möglichkeit schnell einen Arzt zu rufen. Bei Heilkräuter funktioniert das etwas anders. Wir haben einerseits auf der Zunge unsere Geschmacksrezeptoren. Jede giftige Pflanze hat die Geschmackskombination bitter/scharf. Ist diese Kombination auf unserer Zunge wahrnehmbar, leitet unser Gehirn automatisch einen Brechreiz ein, sofern wir die Pflanze langsam kauen. Das bedeutet wir könnten sie gar nicht runterschlucken! Wir haben also einen internen Warnmechanismus eingebaut. Die Inhaltsstoffe der Wildkräuter liegen in der Bandbreite, sie haben viele verschiedene Inhaltsstoffe und nicht wie unser Medikament einen hochdosierten Hauptwirkstoff. Somit bleibt im Vergiftungsfall bei Kräutereinnahme mehr Zeit zur Gegenreaktion als es bei Medikamenten der Fall ist.
Unser Körper kann nur so gut funktionieren, wie er Grundbausteine dazu in Form von Nahrung erhält. Essen wir viel Chemie, wird er dementsprechend träge, um nicht zu sagen funktionsbeeinträchtigt werden. Nehmen wir frische lebendige Pflanzennahrung zu u,ns, werden unsere Körperzellen optimal versorgt und können so ihrer Arbeit gut nachkommen, funktionieren wir besser. Mit unseren Wildkräutern können wir alleine schon in der Küche sehr viel lenken. Sehen wir, dass unsere Familie etwas müde, etwas träge ist, dann würzen wir mit mehr Anteil Liebstöckl, das unser Gemüt belebt. Wissen wir um eine familiäre Veranlagung zu gewissen Krankheiten, wie z. B. eine Gebärmuttersenkung, dann können wir schon frühzeitig beginnen gegenzusteuern, indem wir, wie in diesem Falle regelmäßig einen Frauenmanteltee trinken, um das Gewebe generell zu stärken.

Und was sind für Sie die Grenzen dieser Therapieform? 
Die Grenze der Therapieform sehe ich ganz eindeutig im Akutfall. Haben wir innerliche Verletzungen, haben wir einen Verkehrsunfall, gibt es bei der Geburt Probleme, in der Diagnosemöglichkeit, ist die Schulmedizin die bessere, die schnellere Hilfestellung. Wir leben heute in der gesegneten Zeit, wo wir mit einem einfachen Ultraschallgerät, mit einem Röntgenapparat schnell lebensrettende, zeitsparende Diagnosen stellen können. Wir leben jedoch auch in einer Zeit wo gerne mit „Kanonen“ auf „Spatzen“ geschossen wird. Wir haben heute die Bandbreite aller Möglichkeiten! Wir können frei daraus wählen, dass konnten die Generationen vor uns nicht!

Ein Denkanstoß für mich war der Umstand, daß zur Heilung die Leute früher mehr Zeit und Geduld haben. Ist uns dies heute abhanden gekommen? Sind wir zu ungeduldig? 
Hierzu erzähle ich Ihnen einfach ein Stück meiner Geschichte. Mit Kräutern intensiv zu arbeiten, heißt meistens einige Erlebnisse hinter sich zu haben, wo wir deren Wirkung wirklich er-leben durfte. Meine Eltern meisterten mit Bravour ihre erzieherische Aufgabe, uns Kinder eine innere Stabilität, eine Naturverbundenheit und ein Vertrauen in das Leben zu übermitteln. Das kann ich heute als Mutter im Nachhinein beurteilen, doch als Kind, junger Teenager sieht man manches anders. Meine etwas revolutionäre Ader gegenüber den strengen familiären Regeln bescherte mir eine meiner lehrreichsten und längsten Erfahrungen. Mein Elternhaus steht am Rand einer Waldviertler Kleinstadt. An jenem besagten Samstagmorgen, mitten im trockenen Hochsommer, war es meine zugewiesene Aufgabe aus der Stadt vom Fleischhauer eine Wurst zu holen. Das Problem an der Geschichte war eigentlich der, aus meiner kindlichen Sicht ungünstige Zeitpunkt, an dem ich die Aufgabe erledigen sollte. Mein Tagesrhythmus richtet sich selbst heut noch nach dem Sonnenstand - mit Sonnenaufgang bin ich munter. Die morgendliche Zeit nutzte ich an diesem lehrreichen Jugendtag, meiner Lieblingsbeschäftigung, dem Lesen nachzukommen. Wie es im Leben so spielt, wies mich meine liebevolle Mama genau im spannendsten Teil des Buches gestreng darauf hin, dass ich meiner häuslichen Aufgabe, den Fleischer aufzusuchen, noch nicht nachgekommen bin. Meinem Naturell entsprechend folgte hierauf erst einmal eine grundsätzliche Diskussion über die Notwendigkeit, die Wurst unbedingt jetzt holen zu müssen, ehe ich klein beigab und mich auf mein blaues Rennrad schwang, um die unliebsame Arbeit ja schnell hinter mich zu bringen, schließlich wartete die Fortsetzung der Geschichte darauf gelesen zu werden. Das Nächste worauf ich mich erinnerte, war dieses Auto, dieser vor meinen Augen immer und immer wieder in Zeitlupe ablaufende Moment. Keiner von uns Beiden, weder der Autofahrer noch ich, hätte zu diesem Zeitpunkt den Unfall noch vermeiden können. Als Radfahrer mit einem Auto zusammenzustoßen, beide in voller Fahrt bedeutete in diesem Fall für mich längerfristige Folgen. Was sich nun für meine, aus damaliger ärztlicher Sicht „unwahrscheinliche“ Genesung ausschlaggebend zeigte, war eine Kette von Umständen, die in unserer heutigen Lebensweise, nach unseren heutigen theoretischen Sparstiftschemen so wohl nicht mehr stattfinden könnte.
Der eintreffende ältere Notarzt setzte sich telefonisch umgehend mit dem nächsten Unfallkrankenhaus in Verbindung, wo ein sogenannter regionaler „Starchirurg“ als Primar tätig war. Nach der mündlichen Beschreibung der Art der Verletzung durch das Notarztteam verlautbarte dieser arrogante Primar, dass mein Fuß sicher nicht zu retten sei, er abgenommen werden müsste. Der mitfühlende Notarzt erinnerte sich, dass in einer anderen Waldviertler Stadt ein Unfallchirurg aus Wien frisch seinen Primar-Dienst angetreten hatte und lies mich als letzte Hoffnung den Fuß doch retten zu können, zu ihm transportieren. Dieser relativ junge Unfallarzt war die Geduld und das positive Denken in Person! Selbst als nach eineinhalb Jahre, nach einigen Operationen, die gewünschte Heilung noch nicht einsetzte, der Fuß noch in Ruhigstellung zu verweilen wünschte, blieb dieser Arzt ganz ruhig, meinte zu mir immer wieder, das es halt ein bisschen Zeit braucht, das würde schon wieder gut werden… Welches Gewicht hat so eine zuversichtliche Aussage von einem Primararzt auf einen Teenager? Sein Wort war für mich gesprochene Wahrheit – er musste es ja wissen! Somit war für mich damals auch die Wartezeit auf die Genesung normal, es entstand keinerlei innerlicher Druck oder Zweifel am Ausgang der Lage! Meine Eltern sorgten in den kurzen Zeiten, wo ich das Krankenhaus verlassen durfte einerseits für eine Qualitativ erstklassige Ernährung aus dem Garten, damit mein Körper sich gut erholen konnte, ich wieder zu Kräften kam, und andererseits vor allem für Ruhe.
Im Garten standen zwei schöne große Birken, zwischen denen spannten sie mir eine Hängematte auf. Darin zu liegen, inmitten der Natur, sie zu beobachten, meinen Körper zu spüren, Zeit zu haben meine Schmerzen zu den Wolken in dem Himmel hinaufzuschicken, sie mit ihnen fortziehen zu lassen, die liebliche Wärme der Sonne in mich aufzunehmen, den Ameisen zuzusehen, wie sie Gegenstände tragen, Gewichtiges ertragen das viel mehr wiegt als sie selbst, Zeit zu haben, mir gedanklich meine Zukunft ausmalen zu können, träumen zu können.
Ich war damals noch schulpflichtig, der Unfall geschah in den Ferien, wo ich gerade in eine kaufmännisch orientierte Schule wechselte. Der Schuldirektor, ein hochgewachsener, hagerer, gestrenger Herr der „alten Schule“ setzte sich dafür ein, dass ich, auch wenn ich die Schule nur selten persönlich besuchen konnte, die aktuellen Unterlagen erhielt, damit ich sowohl im Krankenhaus als auch zu Hause meinen Unterrichtsstoff lernen konnte. Die Schularbeiten und Prüfungen absolvierte ich geballt in den Zeiten, wo ein Schulbesuch gesundheitlich möglich war. Die Einstellung des Direktors, dass jeder Mensch eine Chance verdienen würde, ich hätte jedoch die Prüfungen, wie jeder andere Schüler auch abzulegen, solange die Noten passen, sei mir seine Unterstützung gewiss. Nach einer Zeitspanne von drei Jahren zeigten sich erste wirkliche Heilungserfolge, meine Knochen beschlossen doch brav zusammenzuwachsen, jetzt allerdings dafür mit riesen Erfolgsschritten. Den Schulabschluss absolvierte ich erfolgreich, zeitgleich mit meinem Alterskollegen.
Ich kann im Nachhinein aus eigener Überzeugung sagen, genauso wichtig wie die pflanzlichen Rezepturen, mit denen mich meine Eltern laufend versorgten, wie die Geduld, Ausdauer und unendlich positive Wesensart des Arztes, wie das Vertrauen des Schuldirektors, war die Ruhe, die Zeit zum Heil werden, die meiner Seele und meinem Körper gewährt wurde, solange ich sie brauchte!
Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Welche Schule ermöglicht heute einem Kind sich den Unterrichtsstoff selbst beizubringen? Welcher Notarzt kann heute in Zeiten von Fachkrankenhäusern einen Patienten einfach in ein anderes Krankenhaus bringen? Welcher Arzt in einem Krankenhaus hat die Zeit zu einem Patienten eine derart persönliche Bindung aufzubauen, ihn in der positiven Energie zu halten, abgesehen davon, dass bei uns heute eine Tabelle vorgibt, wie lange ein Krankenhausaufenthalt bei welcher Verletzung zu dauern hat? Meine Mutter war bei uns Kinder zu Hause, ihre Ruhe, ihre Präsenz, ihre Liebe, das Essen, welches sie frisch aus dem Garten zubereitete, ihre Zuwendung….. welcher Mutter wird das für ihre Kinder heute vom staatlichen System ermöglicht? In einer Zeit, wo von Seiten der Politik überlegt wird, das französische System auch in unseren Ländern einzuführen, wo die Mütter die Kinder mit 10 Wochen zur Betreuung abgeben, damit sie ihren Job schnell wieder aufnehmen und so die Frauenquote verbessert wird?
Ich kann heute normal Sport betreiben, Laufen. Es hat sich mit Pflanzenhilfe, Zeit und Geduld über die nächsten Jahre selbst eine Muskellähmung rückgebildet. Es ist für uns jederzeit alles möglich! Es hat sich unser Zeitgefühl verändert, die Zeitqualität verändert, wir sind immer und überall erreichbar, erhalten auf Fragen prompte Antworten, genauso erwarten wir, dass eine Krankheit heute da und im nächsten Moment wieder weg sein muss, weil eigentlich haben wir ja gar keine Zeit und Geduld für ihre Existenz.
Bei uns lautet ein altes Sprichwort: Die Grippe dauert mit Medikamente 7 Tage und ohne Medikamente jedoch mit Bettruhe eine Woche! So wie eine Krankheit ja auch eine gewisse Zeit braucht, bis sie sich zeigt, darf auch die Heilung ihre Zeit brauchen.
Die Auflösung der alten Familienverbände spielt sicherlich bei diesem Thema eine große Rolle. Wurde in einer Großfamilie die Mutter krank, war es die Großmutter oder die Schwiegermutter, welche ihre Aufgaben, ihr Rolle übernehmen konnte. Heute sind die Großmütter meist selbst noch aktiv im Arbeitsleben, die Strukturen der Familienverbände haben sich weitgehend aufgelöst, die jungen Frauen sind berufstätig, kümmern sich um die Kinder, den Haushalt, die Familie „nebenbei“ – in vielen Fällen gibt es niemanden, der die Mutter in Krankheitsfall ersetzten könnte! Somit wird ihr gar keine Zeit zur Genesung zugestanden! Um zu dunktionieren, werden dann schnell unüberlegt schwere Medikamente eingenommen. Die gesteigerte Form hiervon finden wir sicherlich bei den alleinerziehenden Müttern.
Es war nach Fieber normal, mindestens 3 Tage Bettruhe zu halten, damit sich der Körper wieder erholen kann, schließlich gab es einen Grund, warum er seine Temperatur erhöhte. Heute brauchen wir bei Kindern eine ärztliche Bestätigung über die Schwere der Erkrankung, wenn ein Kind einmal mehr als 3 Tage nicht die Schule besucht, wobei eine Regenerationszeit nach Fieber hier nicht anerkannt wird!
Es liegt meiner Meinung nach nicht nur an unserer „Kurzlebigkeit“, sondern auch am System des allzeit funktionieren müssen. Weiters am mangelnden Vertrauen, an der immer mehr schwindenden Fähigkeit unseren Körper wahrzunehmen, an der eigentlichen Fähigkeit „zur Ruhe“ zu kommen, sich einen „Genesungsschlaf“ zu erlauben. Viele Leute haben schon mit dem täglichen, nächtlichen Schlaf ein Problem, weil der Alltag zu sehr nachwirkt, die Eindrücke während des Tages nicht mehr verarbeitet werden, der Mensch in vielen Betrieben nicht zählt, und ein dementsprechender Umgangston die Seele bedrückt. Ein weiteres Thema ist sicherlich die oftmalige Angst der Leute vor Krankheiten, über diese Themen könnte man seitenlang schreiben!

War früher das Wissen um die Heilkräfte von Pflanzen ein Allgemeingut oder lag es speziell bei den „Kräuterfrauen“? 
Jede Familie hatte schon so ihre Hausrezepturen, mit Pflanzen die regional weit verbreitet und allgemein bekannt waren, wie es bei uns im Waldviertel der Wiesenarnika war. Daraus hatte jede Familie ihre Rezepturen zu Hause. Und selbst Jahrzehnte, nachdem diese Pflanze nicht mehr bei uns vorkommt, ist sie die Erste, welche von den Leuten (ab ca 40 Jahre aufwärts) auf die Frage nach typisch Waldviertler Pflanzen, genannt wird! Doch das wirkliche, breite Kräuterwissen lag meist bei den Hebammen und den Kräuterfrauen. Wobei bei den Interviews schon sehr deutlich herausgekommen ist, dass die Dorfleute die Kräuterfrauen gewissermaßen als ein wenig „suspekt“, ein wenig „sonderbar“ betrachteten. Ihnen wurde zwar sehr viel Respekt entgegengebracht, brauchte jemand Hilfe, erfreute man sich ihres Wissens. Doch war zeitgleich auch der Gedanken vorhanden, wenn sie mit Pflanzenkraft so viel verändern können, dann kennen sie sich ja auch mit Giftpflanzen usw. sehr gut aus.
Die Kenntnisse der wirklichen Kräuterkundigen, reichen ja eigentlich weit über das Pflanzenwissen hinaus. Hierzu gehört Sternenkunde, das Wissen um körperliche Zusammenhänge, geschichtliches Wissen und auch geistiges Wissen, eine Gewisse „Spiritualität“, eine „Gläubigkeit“ wie immer man dies ausdrücken möchte. Zu den Rezepturen gibt es sogenannte „Segenssprüche“, um auch den gedanklichen Fokus auf die Heilwerdung zu richten. So in der Art, wenn die Kräuterfrau sagt, dass es wieder gut wird, dann hat das eine besondere „Gewichtung“, dann sagt dies jemand der sich ja auskennt, der es ja wissen muss, somit betrachtet die kranke Person die Worte als Wahrheit und Wirklichkeit.
Nun haben wir nicht nur die Inhaltsstoffe der Pflanzen, die ihres zur Genesung beitragen, sondern auch die positive, gedankliche Überzeugung des Patienten.

Woran liegt es, daß dieses Wissen in nicht einmal ein, zwei Generationen in der breiten Bevölkerungsschicht „verloren“ gegangen ist? 
Da spielen mehrere Faktoren mit hinein. Hier haben wir meiner Meinung nach sicherlich als wichtigen Grund unsere Aufbauzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Es galt ein Land wieder auf Vordermann zu bringen, zeitgleich wandelte sich das Rollenbild der Frau. War es bisher ihre Aufgabe, sich um Kinder, Heim und Feldarbeit zu kümmern, fügte sich nun auch der Arbeitsalltag, die Kariere dazu. Die Menge an Tagesstunden blieb ja trotzdem die Gleiche. Das Angebot an schnell erhältlichen Lebensmitteln aus dem Regal erleichterte sicherlich den Alltag. Die eigene Salbe kochen, den eigenen Hustensaft ansetzen, die Liebe zur Gartenarbeit schlichen stetig in den Hintergrund. Eine fertige Salbe, ein fertiger Hustensaft zu kaufen entlastete die Tagesbelastung deutlich! An die Auswirkungen der Chemie oder der künstliche Zusatzstoffe dachte ja lange niemand! Dann war und ist es immer noch ein gewisses Statussymbol, sich die fertigen Produkte kaufen, leisten zu können. Mit der Mode zu gehen, mit dem Zeitgeist zu gehen.
Ich wurde in der Schule sehr oft mit Meldungen konfrontiert wie „Du musst dieses Gartenzeugs da essen, könnt ihr euch nichts anderes leisten….“ Sich der Natur zu bedienen, wurde gleichgesetzt mit „arm“ sein und wer wollte, will das schon.
Mir ist bei den Gesprächen sehr bewusst geworden, dass solange die Großmutter z. B. eine sogenannte Haussalbe zubereitete, es als selbstverständlich angesehen wurde, dass immer genug davon vorrätig war. Es war die Oma immer erreichbar, und sie hatte immer genug an Menge, damit alle versorgte wurden. Gerade aus dieser Selbstverständlichkeit heraus dachte niemand daran, dass sich der bequeme Zustand ändern könnte. Mit dem Ableben der Großmutter verschwanden somit viele Rezepturen, die ja mit dem Herzen in einem augenscheinlichen „Auge x Pie“ Mischverhältniss und nicht mit dem strukturierten Kopf nach der Waage zubereitet wurden. Und es verschwand ihr Pflanzenwissen. Welche Teile genau, wann gepflückt wurden. Es muss etwas vergehen, damit es wieder kommen kann!
Die Pflanzenkunde hat uns Jahrtausende begleitet, etwas, was immer um uns ist, wird uninteressant, verliert seinen Reiz. Erst sobald wir begreifen, was wir verloren haben, sind wir bereit, es wieder anzunehmen. Wir haben lange nur die Pflanzenkunde gekannt, ehe die Schulmedizin kam. Nun haben wir eine Epoche mit den Künsten der Schulmedizin hinter uns, durften auch ihre Grenzen kennenlernen, jetzt ist die Zeit gekommen und aus beiden Möglichkeiten das Bessere herauszuholen!
Wie soll man etwas schätzen, wenn wir die andere Seite nicht kennen? Nun sind wir in der Lage, den Schatz der Naturheilkunde zu erkennen, weil wir die Auswirkungen beider Seiten vor Augen haben!

Was wäre für Sie eine moderne, zeitangepaßte Nutzungsform des Heilkräuterwissens? Braucht es überhaupt solch einen Zugang? 
Ja den braucht es unbedingt. Anwendungen wie z. B. den Saft eines Spitzwegerichs wegen seiner abschwellenden, beruhigenden Wirkung über einen Insektenstich zu geben, anstatt ein Kortisonspray darüber zu sprühen, ist auch heute ein hilfreiches Mittelchen. Doch finden wir weiters Anwendungen, die aus der schlichten Armut der Leute heraus erfolgten, wie wir es innerlich mit dem Steinklee haben. Dieser ist von sehr blutverdünnendem Charakter, also eine Pflanze, mit der man sich schon auskennen muss. Früher wurden solche grenzwertigen Pflanzen auch verkocht, weil zu wenig an Essen verfügbar war. Aus diesen Zeiten entwickelte sich die Tradition des „tod-kochens“, Lebensmittel, Substanzen ewig lange am Herd kochen zu lassen, bis selbst die giftigen Substanzen daraus entwichen sind, weil die Menschen nichts anderes zu essen hatten. Heute lesen wir solche Rezepturen, das „todkochen“ ist nicht mehr üblich, und bei normaler Kochzeit hat der Steinklee schon blutverdünnende Auswirkungen. Deshalb finde ich es wichtig, den Leuten zuzuhören, ihre Geschichten in das Pflanzenwissen miteinzubeziehen, um die damaligen Umstände, Hintergründe zu verstehen, nur so können wir die Anwendungen, welche für uns heute wertvoll sind herausfiltern.
Es hat heute nicht jeder Mensch die Zeit und Muße, sich intensiv mit der Pflanzenwelt zu beschäftigen, doch können wir für uns so eine Art kleine Hausapotheke gestalten. Jeder von uns hat so gewisse Wehwehchen, die von Zeit zu Zeit aufhorchen lassen, darauf können wir uns vorbereiten, sei es der Wipferlsaft bei Halsproblemen, die getrockneten Königskerzenblüten gegen Verschleimung oder einfach die getrockneten Kräuter zum Inhalieren. Die Vorteile unserer überlieferten Rezepturen sind die jederzeit verfügbaren Pflanzen, die leicht erhältlichen Zutaten und die einfachen Verarbeitungen. Ich finde es auch von den Inhaltsstoffen wichtig, die Pflanzen und Früchte dann zu essen, wenn sie reif sind. Es hat einen Grund, warum sie gerade zu der jeweiligen Jahreszeit reifen! Wir essen die körperlich kühlenden Erdbeeren aus der Gefriertruhe gegeben in der Winterzeit, wo wärmende, aufbauende Ernährung angebracht ist?!
Für mich ist auch der essbotanische Umgang mit den Pflanzen sehr wichtig. Abgesehen von den Mineralstoffen, den vielen Inhaltsstoffen und den Spezifikationen der jeweiligen Pflanze wird unser Körper laufend trainiert mit verschiedensten Inhaltsstoffen umzugehen. Wir wachsen nur an Herausforderungen, an Eintönigkeit erschlaffen wir. So ist auch für unsere Verdauung ein Training wichtig, mit den verschiedensten Substanzen umgehen zu können, das würde viele allergische Überreaktionen vermeiden helfen. Ein vernünftiger Umgang ist zugleich auch ein abwechslungsreicher Umgang!


Wie können wir diesen Wissensschatz wieder weiter verbreiten? 
In dem wir ihn leben lassen. Indem wir darüber erzählen und es vorleben, es weiterleben lassen. Betrachten wir die Geschehnisse der Vergangenheit, sehen wir in die Zukunft. Indem wir den Leuten zuhören, die uns aus eigener Erfahrung noch etwas erzählen können. Und hier meine ich wirklich erzählen können. In unseren Kochbüchern finden wir genaueste Mengenangaben vermerkt, jedoch wenig rundherum Wissen, welche Pflanzenteile, wann gepflückt. Dieses gilt es zu hinterfragen, zu erfragen. Wir haben in den Märchen, die wir unseren Kindern erzählen so vieles an Volkswissen verpackt, wieso erzählen wir unsern Kindern nicht auch Erlebnisse mit Pflanzen, sähen so ein Samenkorn des gesunden Umgangs mit der Natur, der Vertrautheit mit der Natur in ihre Herzen?

Wird es in den nächsten zwei, drei Generationen wieder mehr Menschen geben, die wie die alten Leute aus dem Waldviertel das Kräuterwissen nutzen?
Davon bin ich felsenfest überzeugt. So wie wir Menschen uns wandelnden Gegebenheiten anpassen, tun dies zeitgleich auch unsere Pflanzen. Sie wachsen unter den gleichen Bedingungen, wie wir leben, gedeihen auf dem gleichen Boden, auf dem wir uns täglich bewegen, atmen die gleiche Luft wie wir, trinken das gleiche Wasser wie wir – wer sonst könnte uns langfristig besser helfen? Wir haben es ausgekostet, wie es sich anfühlt eine Zeitspanne entgegen der Natur zu leben, doch wir sind ein Teil von ihr und somit nicht auf Dauer ohne sie überlebensfähig. Es ist ein deutlicher Gegentrend zur heutigen Lebensweise merkbar! In einer Zeit wo die Familienstrukturen sehr zerbrechen, wo die Leute kaum Anerkennung im Beruf finden, wo für viele Leute Kommunikation daraus besteht, in Facebook einen Kommentar zu posten, brauchen wir die Natur mehr denn je als Anker, als Verwurzelung, als Bindeglied zur Bodenständigkeit, zum Menschsein. Die Herausforderung unserer Zeit für die Zukunft liegt sicherlich in der allgemeinen richtigen Balance zwischen den Welten!

Liebe Frau Grahofer, ganz herzlichen Dank für das Interview mit den vielen, auch persönlichen Einblicken, die mich zum Nachdenken anregen!

Webseite von Eunike Grahofer: http://www.danuspirit.com/
Facebook-Seite: https://www.facebook.com/kraeuterwissen 

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Eunike Grahofer: Die Leissinger Oma. Das Pflanzenwissen der einfachen Leut`. Erzählungen und Rezepte aus Waldviertler Familien




Eunike Grahofer: Der Pepi Onkel: Das Pflanzenwissen der einfachen Leut. Erzählungen und Rezepte 


Eunike Grahofer, Vera Mörwald, Alex Hunger: Heilwirkung der Kräuterkerzen: Altes Wissen wieder entdecken


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