Donnerstag, 15. Januar 2015

Unbedingt lesen, von den alten Leuten lernen und im Herzen bewahren! Rezension zu "Der Pepi Onkel" von Eunike Grahofer

Foto: Frau B.
 Ein Mann leidet unter Wasseransammlung, gegen die er eines Tages mit Heilkräutern lindern will. Er übertreibt es und achtet nicht auf die Warnsignale seines Körpers. Sein Körper scheidet mehr Wasser aus, als ihm gut tut. Er dehydriert. Die Kräuterfrau Gerlinde bemerkt dazu klug:
Der Körper braucht täglich viel Flüssigkeit, am besten in Form von reinem Wasser. Deshalb ist dies ein lehrreiches Beispiel für einen falschen Umgang mit einem Naturmittel. Eiinerseits wollen wir ihre Wirkung haben, andererseits sind wir uns nicht bewusst, dass sie wirklich Inhaltsstoffe besitzen und imstande sind, zu verändern. Wir respektieren unbedacht die richtige Anwendung nicht. Bei jedem Medikament erkundigen wir uns nach der Dosierung. Bei den Pflanzen wollen wir diese nicht wissen?

Eunike Grahofer hat im Herbst letzten Jahres ihr neues Buch "Der Pepi Onkel. Das Pflanzenwissen der einfachen Leut'. Erzählungen und Rezepte" vorgelegt, das eine Art Fortsetzung der Leissinger Oma darstellt (meine Rezension finden Sie hier).
Drei kundige Menschen - der Pepi Onkel, Gerlinde und Georg - interviewt sie mit viel Feingefühl. Diesmal beschränkt sie sich nicht nur aufs Waldviertel, sondern weitet den geographischen Raum ins Burgenland und nach Wien aus.

Stand im ersten Band generell das Wissen der alten Leute im Mittelpunkt, so ist hier die eigentliche Grundidee nach dem Wissen von Männern zu forschen. Eunike Grahofer kam durch ein Erlebnis während einer eigenen Exkursion auf den reizvollen Gedanken. Die Heilkunde wurde in alten Zeiten vor allem durch die Frauen getragen und weitergegeben. Sie, die für das Wohl der Familie sorgten oder als Hebamme eine wichtige medizinische Funktion früher (und auch heute noch) übernahmen, waren für die Aufgabe prädestiniert. Jedoch was war mit den Männern, die alleine unterwegs waren wie Hirten beispielsweise? Was taten sie bei Verletzungen oder einem Unfall?
Jedes der drei Hauptkapitel ist in kleinere Unterkapitel gegliedert, in deren Mittelpunkt die Erzählung zu einer Heilpflanze oder zu einer Erkrankung und ihrer Linderung steht. Erstaunt war ich zu lesen, daß eine kräuterkundige Nonne einer Mutter mithilfe von Kräuter und Hitze vor dem Sepsis-Tod bewahrte. Wenn die heutige medizinische Forschung an dieses Wissen anknüpfen würde und mit ihren wissenschaftlichen Methoden erforschen und anwenden würde, würde in so manchem Falle viel geholfen sein.
Auch öffnete sich mir eine neue Welt, als ich las, wie heilsam Knospen wirken können. Es ist völlig logisch, daß in den Knospen alles lebensnotwendige für das zukünftige Blatt steckt. Da sind nicht nur Nährstoffe und Mineralien, nein auch Hormone und Abwehrstoffe gemeint.
Foto: Frau B.
Da Grahofer diesmal Menschen aus anderen Winkeln Österreichs interviewte, zeigt sich nicht nur, wie stark früher Pflanzenheilkunde lokal verordnet war, sondern wie auch Völkerwanderung oder Migrationsbewegungen für die Verbreitung von Pflanzenheilkundewissen wichtig war. Abseits politischer Ereignisse tuen sich da neue historische Verbindungen auf.
Der Text läßt sich wieder wunderbar flüssig lesen. Lebendig und fast so, als wäre man beim Interview dabei gewesen, lassen sich die Gespräche lesen. Es macht eine Freude, das Wissen und Grahofers Erklärungen unterhaltsam zu lesen. "Der Pepi Onkel" ist eben auch ein vergnügliches Lesebuch.
Am Ende des Buches findet sich wieder eine Auflistung aller Rezepte, die im Buch erwähnt sind. Gerne hätte ich auch diesmal wieder die botanische Bezeichnung der Pflanzen gelesen, da doch manche Pflanzen außerhalb Österreichs andere Namen tragen. Diesen Punkt nachzutragen, wäre wie bei der "Leissinger Oma" eine notwendige Aufgabe für zukünftige Auflagen.
Foto: Frau B.
Wieder hat Helmut Hunger mit seinen Zeichnungen nicht nur ein ansprechendes Bild für die Umschlaggestaltung geschaffen, sondern auch gefühlvolle Auflockerungen zwischen den Kapiteln.
Gerne hätte ich es gesehen, wenn Eunike Grahofer ihre wirklich interessante und reizvolle Fragestellung konsequent im Buch durchgezogen hätte. Leider bricht sie mit dem Interview mit Gerlinde mit der Buchidee. Da es auch nur drei Leute und ihr Erzählungen sind, fällt dieser Bruch umso mehr auf.
Jedoch tut diese Inkonsequenz dem Buch an sich keinen Abbruch. Wieder steckt in ihm so viel Wissen, Lebensklugheit und Lebensratschläge, daß der Respekt vor den älteren Generationen, vor ihrem Lebensumgang steigt. Zugleich wird beim Lesen wieder schmerzlich bewußt, wie wenig sorgsam wir mit unserem jetzigem Lebensstil mit uns und unserer Umwelt umgehen.
Zudem gilt Eunike Grahofer der größte Dank, dieses alte Wissen um die Heilkunst der Naturkräuter in ihrer Praxistauglichkeit gesammelt, zusammengetragen, aufbewahrt und mit dem Buch weitertradiert zu haben. Es ist ein wahrer Schatz, den wir unbedingt bewahren müssen! Gerne wünsche ich mir noch weitere Bände, denn es ist da erst der Anfang gemacht! Unbedingt lesen, von den alten Leuten lernen und im Herzen bewahren!
Eunike Grahofer: Der Pepi Onkel. Das Pflanzenwissen der einfachen Leut'. Erzählungen und Rezepte aus dem Waldviertel, dem Burgenland und Wien
Freya Verlag, Linz 2014
ISBN: 978-3990251607
Ausstattung: 220 Seiten
Preis: 19,90 €





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