Freitag, 11. November 2016

Wurzellos

Ich lese zur Zeit gerade das neue Werk von meiner Lieblingssachbuchautorin Eunike Grahofer. In "Die Hechals. Brauchtum, altes Handwerk und Rezepte aus dem Mostviertel"* erzählt sie vom Leben der Bauernfamilie Hechal.
Seit Jahrhunderten leben die Hechals Generation für Generation auf dem Hof. Sie sind gefestigt: in ihrem Alltag, in ihrer Lebenswelt, mit ihren gelebten Sitten und Bräuchen. Letztere sind vielfältig, noch heute tief im Alltag verwurzelt und ganz eng mit dem Glauben verwoben. So wird ein zu Ostern gesegnetes Ei bei aufziehendem Gewitter schnell vor die Türschwelle gelegt, damit es den Hof vor Schaden und Unglück bewahrt.
Es geht jetzt hier nicht um das Buch an sich. Das werde ich die Tage einmal ausführlicher vorstellen.
Nein, es geht um zwei Welten, die sich bei mir beim Lesen auftaten. Schmerzlich wurde mir bewußt, wie entwurzelt heute ein Teil der Menschen in Deutschland sind. Ich kenne solche Rituale überhaupt nicht. Aus meiner Familie kenne ich nur ganz wenige Rituale, die eher profaner Natur sind. Trachten, die zu bestimmten Anläßen wie Hochzeit, Todesfall angezogen werden, gibt es auch nicht. Vielmehr erlebte ich schon Hochzeitsfeiern, wo die Gäste ein wenig bessere Alltagskleidung anzogen oder sogar in Jeans zur Feier kam. Natürlich kann man das Leben wie bei den Hechals als gestriges, antimodernes abtun. So war es oft die öffentliche Meinung: wohnte man nicht in einem klassischen Touristengebiet wie den Alpen, wo für Tourismus das Traditionelle die Kassen zum Klingen brachte, dann ist die Besinnung auf alte Sitten und Bräuche verstaubt. Neu, modern, fortschrittlich, großstädtisch solle man sein. Aber was ist es genau? Das Alte abtun erzeugt erst einmal ein Nichts. Das Neue muß befüllt werden. Nur mit was?
Warum wird denn gerne auf das Traditionelle geschielt? Warum rennen zu Oktoberfestzeiten tausende Nichtbayern plötzlich in zusammengewürfelten Trachten aus dem Discounter herum? Warum gehen so manche Nennkirchenmitglieder ausschließlich zu Weihnachten in den Gottesdienst? Verbinden nicht viele Menschen mit diesem alten Traditionellen das Heimelige, die Verwurzelung. Zumindest für einen Augenblick?
Was ich sehe, ist, daß es in den letzten 100 Jahren massive Umbrüche in der Gesellschaft gibt. Ich stamme als Ostdeutsche, als Enkel von Vertriebenen, aus so einer Umbruchsfamilie. Man stelle sich es mal vor: da wird man im Kaiserreich geboren, erlebt da seine Kindheit, ist in der Weimarer Republik ein junger Mensch, der die erste Arbeit findet, vielleicht Familie gründet, erlebt den Nationalsozialismus, Krieg, Gefangenschaft, kehrt in einen Staat heim, der nun seine Bewohner einsperrt, eine sozialistische Diktatur aufbaut  und erlebt als alter Mensch die Wende und wieder eine neue Gesellschaftsform.
Wir sagen, daß Kinder Rituale zum Wurzeln brauchen, um als erwachsene Menschen fliegen zu können (also den eigenen Weg zu gehen). Als Eltern geben wir ihnen Werte, Lebensideen und Bräuche mit. Kinder brauchen dies, um ihren Ausgangspunkt für die Entdeckung der Welt zu haben. Und dann gibt es Landstriche in unserer Gesellschaft, die völlig entwurzelt sind. Weil sie mehrere politisch-gesellschaftliche Umbrüche haben. Jedes Mal gibt es eine neue Anforderung der Lebensgestaltung von Außen. Jedes Mal müssen sich innerhalb weniger Monate diese Menschen völlig neu orientieren. Das Alte gilt nicht mehr, wird vom Neuen verpönt, bestraft, lächerlich gemacht. Die Menschen werden entwurzelt. Ein, zwei, drei, viermal. In weniger als einem ganzen Menschenleben.

Und dann wundern wir uns, warum es heute gesellschaftlich knirscht und kracht.

Dieser Text hat seine Sprünge und soll so ungeschliffen sein.

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